Wenn der Wind auffrischt, entscheidet oft kein großer Handgriff über ein ruhiges, schnelles Boot - sondern ein kleiner Zug am richtigen Tau. Was ist ein Cunningham beim Segeln? Es ist eine Trimmleine am Vorliek des Großsegels. Mit ihr verstellst du die Spannung im vorderen Bereich des Segels und damit seine Form. Klein im Aufbau, deutlich in der Wirkung.
Der Cunningham gehört zu den Mitteln, mit denen ein Segel nicht nur gesetzt, sondern passend zum Wind gefahren wird. Wer ihn versteht, erkennt schneller, warum ein Boot krängt, das Ruder schwer wird oder das Großsegel bei Böen unruhig wirkt. Es geht nicht um komplizierte Regattatheorie. Es geht darum, Wind sauber in Vortrieb zu übersetzen.
Was ist ein Cunningham beim Segeln?
Der Cunningham ist meist eine Leine, die durch eine Öse im Großsegel geführt wird. Diese Öse liegt am Vorliek, etwas oberhalb des Halses - also dort, wo die untere vordere Ecke des Segels am Mast befestigt ist. Ziehst du die Leine durch, wandert die Öse nach unten. Das Vorliek wird stärker gespannt.
Benannt ist das System nach dem neuseeländischen Segler Briggs Cunningham. Seine Idee war ebenso einfach wie wirkungsvoll: Die Spannung am Vorliek soll sich während der Fahrt gezielt verändern lassen, ohne dass dafür die Großfallspannung angepasst werden muss. Gerade auf Booten mit durchgelattetem Groß, bei wechselndem Wind oder auf Regattabahnen ist das ein klarer Vorteil.
Auf vielen Fahrtenbooten findest du den Cunningham als kurze Leine mit Talje am Mastfuß. Auf sportlicheren Jollen und Kielbooten ist er oft direkt ins Cockpit umgelenkt. Dort lässt er sich unter Last bedienen, wenn die Böe bereits über das Wasser zieht.
Was der Cunningham mit der Segelform macht
Ein Segel arbeitet wie ein Flügel. Seine Wölbung, der sogenannte Segelbauch, erzeugt Auftrieb und damit Vortrieb. Wo dieser Bauch liegt und wie ausgeprägt er ist, beeinflusst Kurs, Geschwindigkeit, Krängung und Ruderdruck.
Bei wenig Wind darf das Großsegel eher voll stehen. Der Segelbauch liegt etwas weiter vorn und hilft, Strömung am Tuch zu halten. Wird der Wind stärker, braucht das Boot in der Regel ein flacheres, kontrollierteres Profil. Genau hier kommt der Cunningham ins Spiel.
Mehr Cunningham-Spannung zieht das Vorliek glatt. Der Segelbauch wandert etwas nach vorn und das Profil im vorderen Segelbereich wird flacher. Vor allem die feinen horizontalen Falten nahe dem Mast verschwinden. Diese Falten heißen Vorlieksfalten oder auf Englisch häufig "wrinkles". Sie sind das deutlichste Zeichen dafür, dass am Vorliek Spannung fehlt.
Das Ergebnis: Das Großsegel lässt sich bei mehr Wind stabiler fahren. Es produziert weniger unnötige Krängung, reagiert berechenbarer in Böen und ermöglicht häufig besseres Höhe-Laufen. Das Boot muss dann weniger gegen sein eigenes Ruder arbeiten. Nicht jeder Zentimeter der Leine bringt sofort einen spürbaren Effekt. Aber richtig dosiert wird aus einem nervösen Rigg ein aufgeräumteres Setup.
Cunningham, Großfall und Niederholer: nicht dasselbe
Diese drei Trimmöglichkeiten werden gerade am Anfang leicht verwechselt. Sie wirken jedoch an unterschiedlichen Stellen.
Das Großfall setzt und hält das Segel grundsätzlich am Mast. Schon beim Setzen solltest du es so durchsetzen, dass das Segel sauber steht. In der Praxis bleibt die Fallspannung während eines Schlages aber oft unverändert. Unter Last, bei Reibung im Mast oder bei einem gefüllten Segel wäre ein Nachtrimmen umständlich.
Der Cunningham übernimmt dann die Feinarbeit am Vorliek. Er erhöht die Vorliekspannung, ohne die Höhe des Segels am Mast verändern zu müssen. Daher ist er kein Ersatz für ein ordentlich gesetztes Großfall, sondern die Ergänzung für wechselnde Bedingungen.
Der Niederholer wirkt dagegen vor allem auf den Baum und das Achterliek. Er kontrolliert, wie stark der Baum bei Druck nach oben steigt und wie offen das Achterliek steht. Vereinfacht gesagt: Der Cunningham ordnet den vorderen Bereich des Profils, der Niederholer beeinflusst den hinteren Bereich. Beide können bei viel Wind helfen, das Großsegel zu entschärfen. Ihre Aufgaben sind trotzdem verschieden.
Auch die Großschot und der Traveller spielen mit hinein. Ein sauberer Trimm entsteht nie durch eine einzelne Leine. Wenn das Boot übermäßig krängt, kann mehr Cunningham sinnvoll sein. Oft brauchst du zusätzlich aber auch etwas mehr Twist im Achterliek, einen tieferen Traveller oder ein gerefftes Groß. Der Cunningham ist ein präzises Werkzeug, kein Ersatz für ein Reff.
Wann du den Cunningham setzen solltest
Bei leichtem Wind bleibt der Cunningham meist locker oder nur leicht angezogen. Das Segel soll seine Form behalten, und kleine Falten am Vorliek sind dann nicht automatisch ein Problem. Ziehst du zu früh oder zu stark, machst du das Profil unnötig flach. Dem Boot fehlt dann der Druck, den es bei wenig Wind braucht.
Sobald der Wind zunimmt und sich am Vorliek deutliche Querfalten bilden, lohnt sich ein Blick auf die Leine. Auch wenn das Groß bei Böen schwer kontrollierbar wird oder das Boot am Wind viel Ruderdruck aufbaut, kann ein moderater Zug helfen. Ziel ist nicht, das Segel hart und leblos zu ziehen. Ziel ist eine glatte, belastbare Eintrittskante.
Bei starkem Wind wird der Cunningham häufig deutlich dichter gefahren. Besonders auf Am-Wind-Kursen zahlt sich das aus. Auf raumen Kursen ist seine Wirkung meist weniger entscheidend, weil das Segel dort anders angeströmt wird. Ganz lösen musst du ihn deshalb nicht immer. Es hängt von Boot, Segeltuch, Windstärke und Kurs ab.
Ein älteres, weicheres Segel reagiert oft anders als ein neues, formstabiles Tuch. Ebenso unterscheiden sich Jolle, Daysailer und schwerer Fahrtenkreuzer. Deshalb gilt: Nicht blind nach Markierungen trimmen. Auf das Segel schauen, das Boot fühlen und kleine Schritte machen.
Den Cunningham richtig einstellen
Am einfachsten funktioniert der Trimm nach Sicht und Gefühl. Fahre zunächst einen stabilen Am-Wind-Kurs und beobachte das Vorliek. Siehst du Falten, die von der Cunningham-Öse in Richtung Mast laufen, ziehst du die Leine schrittweise an. Nach jedem kleinen Zug wartest du einen Moment: Wie verändert sich das Segel? Wie liegt das Boot auf dem Ruder? Bleibt die Fahrt erhalten?
Sind die Falten gerade verschwunden, bist du oft in einem guten Bereich. Mehr Spannung kann bei weiter zunehmendem Wind richtig sein, doch Übertreiben hat Nachteile. Ein zu flaches Vorliek nimmt dem Segel Kraft und kann das Boot bei mittlerem Wind langsamer machen. Trimm ist kein Schalter mit nur zwei Positionen.
Eine praktische Reihenfolge bei aufkommendem Wind sieht häufig so aus: Zuerst Großschot und Traveller so einstellen, dass das Boot wieder aufrecht und steuerbar läuft. Dann den Cunningham nachsetzen, um die Vorlieksfalten zu glätten. Reicht das nicht, folgt der nächste sinnvolle Schritt - etwa Unterliekspannung, Achterstag bei passendem Rigg oder ein Reff.
Wer bei Böen hektisch an allen Leinen zieht, verliert schnell den Überblick. Besser ist ein klarer Blick: Welche Form zeigt das Segel gerade? Wo entsteht zu viel Druck? Welche Leine wirkt genau dort? Ruhig trimmen. Wirkung abwarten. Dann entscheiden.
Typische Fehler beim Cunningham-Trimm
Der häufigste Fehler ist, den Cunningham erst zu beachten, wenn das Boot bereits überpowert ist. Dabei lässt er sich gut vorbereiten. Vor einer erwartbaren Böenfront kann die Leine belegt und leicht unter Spannung stehen. So ist sie schnell erreichbar, wenn der Druck kommt.
Ebenfalls verbreitet: Der Cunningham wird als Mittel gegen jede Form von Krängung betrachtet. Krängt das Boot wegen zu viel Segelfläche, hilft ein Reff nachhaltiger. Ein überzogener Cunningham kaschiert das Problem nur begrenzt. Sicherheit und Kontrolle gehen vor dem letzten Knoten Geschwindigkeit.
Manche Seglerinnen und Segler ziehen die Leine zudem so stark an, dass zwar alle Falten verschwinden, das Segel aber sichtbar zu flach wird. Gerade bei mittlerem Wind kostet das Höhe und Fahrt. Die bessere Regel lautet: Falten glätten, nicht das gesamte Leben aus dem Segel ziehen.
Und schließlich sollte die Leine leichtgängig sein. Eine schwergängige, ungünstig umgelenkte Talje wird im entscheidenden Moment nicht genutzt. Ein kurzer Check im Hafen spart später Kraft und Nerven. Gute Lösungen müssen nicht auffallen. Sie müssen funktionieren, wenn Wind und Wasser unruhig werden.
Ein kleines Detail mit großer Wirkung
Der Cunningham steht für eine Haltung, die zum Segeln passt: aufmerksam bleiben, Material verstehen und nicht mehr tun als nötig. Ein sauber getrimmtes Segel schont Rigg und Crew, macht das Boot angenehmer steuerbar und lässt den Törn entspannter werden.
Beim nächsten Schlag am Wind lohnt es sich, nicht nur auf den Horizont zu schauen. Schau kurz auf das Vorliek. Vielleicht reichen ein paar Zentimeter Cunningham, damit das Boot ruhiger durch die Welle geht - klar, kontrolliert und mit genau dem Gefühl, wegen dem wir aufs Wasser wollen.